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Stern artikel over Wilhelm II

 
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Auteur Bericht
Yvonne
Admin


Geregistreerd op: 2-2-2005
Berichten: 45652

BerichtGeplaatst: 13 Jul 2006 10:12    Onderwerp: Stern artikel over Wilhelm II Reageer met quote

Let wel op de datum van het artikel!


"Der Mann hätte Maschinenschlosser werden sollen"

Am 18. Januar 1701 begann die 300-jährige Geschichte des mächtigsten Königreichs in Deutschland. Sein Glanz währte acht Herrscher lang. Dann bestieg Wilhelm II. den Thron.


Er ist hartnäckig. Niemand liebt ihn, aber er wird nicht weichen aus unserem Gedächtnis. Er hat sich damals aus dem Staub gemacht und ist seit 60 Jahren tot, doch er geistert noch immer durch die Gemüter. Er steht für Pickelhaube und Säbelrasseln, für deutsche Hybris und politische Blindheit, aber auch für Glanz und Gloria, für eine nostalgisch verklärte Vergangenheit, als die Welt noch in (preußischer) Ordnung war. Er hat einem Zeitalter den Namen gegeben, und seine klotzigen Bauten - Dome, Justizpaläste, Kasernen und Denkmäler - stehen noch immer mitten unter uns.

Doch er war schon zu Lebzeiten der umstrittenste - und meistkarikierte - Herrscher Europas, eine schillernde Erscheinung zwischen Pathos und Peinlichkeit. Er war kein Staatsmann. Er war ein Staatsschauspieler - von hohen Graden. In wechselnden Kostümen trat er in immer derselben Rolle auf: "ICH - WILHELM II., DEUTSCHER KAISER UND KÖNIG VON PREUSSEN, IMPERATOR REX." Das Publikum applaudierte - solange aus dem Spiel nicht Ernst wurde. Dann wusste der Kaiserdarsteller nicht weiter. Die Realität gab es in seinem Textbuch nicht.

Er kam mit 29 Jahren an die Macht und regierte 30 Jahre lang. Er war der erste wirkliche Kaiser und zugleich der letzte Hohenzoller auf dem Thron. Er versprach den Deutschen "herrliche Zeiten" und führte sie in den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Er floh bei Nacht und Nebel aus dem Land, das ihn zuletzt nicht mehr haben wollte, und lebte noch 23 Jahre im Exil in Holland, Bäume zersägend und Memoiren schreibend, die mehr verschleiern als enthüllen. Als er 1941 starb, war er bereits zu einer anachronistischen Figur geworden, überrollt von der Nachfolge-Katastrophe, die den Namen Hitler trug. Doch allmählich taucht sein Bild aus dem Schutt des 20. Jahrhunderts wieder auf - als Mythos einer vermeintlich heilen Welt, die 1914 unterging. In den Augen der Zeitgenossen war die wilhelminische Ära "die glücklichste Zeit, die das Deutsche Reich gehabt hat", schreibt Sebastian Haffner. Zum ersten Mal in ihrer chaotischen Geschichte sahen sich die Deutschen auf der Sonnenseite des Daseins - eine Siegernation, Nummer eins in Europa, Weltspitze. Es ging ständig aufwärts. Die Wirtschaft boomte, der Wohlstand wuchs, dauernd gab es neue Erfindungen, die das Leben leichter und aufregender machten: elektrisches Licht, Telefon, Auto, Flugzeug, Grammofon, Kinematograf - es war ein einziger Fortschrittsrausch. Sie passten gut zusammen, der Zeitgeist und der junge Kaiser. "Das Kraftstrotzende, Expansive, Prahlerische, das von Gefahren nichts Wissende, über dünne Eisdecken Stapfende, als sei der Boden aus Kruppstahl - dieses Element wusste der Kaiser glänzend darzustellen", schreibt Golo Mann. "Es musste immer Sonntag sein im Deutschen Reich, sensationelle Neuerwerbungen, Kampf gegen irgendwen, Sieg über irgendwas."

Die euphorische Stimmung der Kaiserzeit hat Peter Schamoni in seinem brillanten Dokumentarfilm "Majestät brauchen Sonne" jetzt wieder lebendig werden lassen. Er zeigt den Kaiser so, wie ihn die Zeitgenossen wahrnahmen (und wie er gesehen werden wollte): als Friedensfürst und obersten Festveranstalter des Reiches, bombastisch und leutselig zugleich, immer in Bestform - einhändig reitend, schießend, segelnd - immer in Aktion, immer in Pose. Permanent auf Reisen mit Sonderzug und Staatsyacht (der eleganten "Hohenzollern"), und wenn nicht auf Reisen, dann daheim Staatsempfänge gebend, Jubiläen feiernd, Denkmäler einweihend oder mit seiner Gemahlin Kindergärten besuchend. Freilich, Kaiserin Auguste Viktoria, genannt Dona, war in dem Stück, das "ICH, IMPERATOR REX" hieß, nur eine Statistin: In seinen Lebenserinnerungen widmet er ihr anderthalb Seiten. Ihr Platz war nach Hohenzollern-Sitte im Haus bei den Kindern, von denen sie sieben hatte: sechs stattliche Söhne und eine hübsche Tochter. So durfte Berlin jedes Jahr ein Fest mit der Herrscherfamilie feiern - wenn nicht Geburt, dann Taufe, wenn nicht Taufe, dann Konfirmation, und dann kamen auch schon die 18. Geburtstage, an denen ein Hohenzoller volljährig wurde, und die Verlobungen und Hochzeiten.

Alljährlicher Höhepunkt der Familiendarstellung aber war der Neujahrsmorgen, wenn S. M. mit seinen sechs strammen Söhnen in Gardeuniform durch ein Spalier Hüte schwenkender Untertanen vom Schloss zum Zeughaus marschierte - eine perfekte Show. Die preußische Tugend der Bescheidenheit ("Mehr sein als scheinen") war seine Sache nicht. Der alte Kaiser, Wilhelms Großvater, hatte öffentliche Selbstdarstellungen gehasst wie die Pest, Bismarck ebenso. Doch dieser Hohenzoller war anders. Er genoss das Rampenlicht der Weltbühne, und er liebte Inszenierungen, die ihn im Glanz der Macht zeigten. Paraden waren der Gipfel seines Lebensgefühls, eine Art Narkotikum. Er berauschte sich an ihnen, so wie sich ganz Deutschland berauschte: Das Reich war auf der Höhe seiner Weltgeltung, seit hundert Jahren keinen Krieg mehr verloren, die schwarzweißrote Fahne in den fernsten Winkeln der Erde, von Südwestafrika bis Tsingtau, während die neuen Panzerkreuzer, die ER in Rekordzeit bauen ließ, auf den Weltmeeren Flagge zeigten - egal, was die Scheiß-Engländer davon halten mochten. Wilhelm verkörperte den Geist der Zeit und wusste dabei ein breites Gefolge hinter sich: In den Direktionen der Kohle- und Stahl- imperien, in den Kontoren der Reedereien und den Salons des neuen Bürgertums dachte man wie S. M., bei der Armee und der Flotte sowieso. Das Auswärtige Amt kuschte, und die wechselnden Kanzler waren gefügige Diener des Monarchen: Er allein konnte den Reichskanzler ernennen und entlassen, mochte der Reichstag auch toben.

Wilhelms Deutschland fühlte sich zum Bersten stark, und niemand außer ein paar intellektuellen Miesmachern zweifelte, dass es so weitergehen würde. "Die Frage ist dann nur", so Golo Mann, "warum es mit dieser glücklichen Epoche ein so raues Ende nahm." Der Kaiser hat sich dieser Frage nie gestellt, denn die Antwort liegt in seiner Person. Nichts hätte so kommen müssen, wie es kam, nichts war "unausweichlich". Es war diese irrlichternde, von sich selbst berauschte Figur an der Spitze, die den Zug entgleisen ließ. Wilhelm II. war weder ein böser noch ein dämonischer Charakter, aber er war, was im Ergebnis nicht viel besser ist, ein politischer Dilettant, eine hohle Nuss, um es krass zu sagen. Es war die fatale Mischung aus Naivität und Ehrgeiz, die ihn für sein Amt disqualifizierte. Die Urteile ihm nahe stehender Menschen sind vernichtend. Am härtesten ist das seines Erziehers Georg Hinzpeter: "Zum Repräsentanten taugt er, sonst kann er nichts ... Er hätte Maschinenschlosser werden sollen." Vielleicht wäre er als konstitutioneller Monarch unter parlamentarischer Kontrolle hinnehmbar gewesen, doch jeder Gedanke an eine demokratische Verfassung war für ihn Landesverrat und Eidbruch.

Er wollte "Volkskaiser" sein und die Arbeiterklasse für die Monarchie gewinnen, doch nur zu seinen Bedingungen. Für den Fall von Unruhen war er entschlossen, schießen zu lassen. "Für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit einem Reichs- und Vaterlandsfeind", verkündete er 1889 vor einer Bergarbeiterdelegation. Er hatte kein Gespür dafür, dass die Zeit der absoluten Monarchie vorbei war, dass Deutschland nicht das technisch fortschrittlichste Land Europas sein und zugleich wie ein pommersches Kartoffelgut regiert werden konnte. Ihm fehlte jedes diplomatische Fingerspitzengefühl. Weltpolitik betrieb er im Casino-Stil: dröhnend, verletzend, kein Fettnäpfchen auslassend. So wurde seine Regierungszeit zu einer Kette verbaler Entgleisungen, außenpolitischer Abenteuer und Provokationen. "Kein Augenmaß", sagte Bismarck von ihm. In diesen zwei Worten liegt das ganze Drama Wilhelms II. Als 1900 beim Boxeraufstand in China der deutsche Gesandte in Peking ermordet wird, verabschiedet der Kaiser das deutsche Strafexpeditionskorps in Bremerhaven mit den Worten: "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht ..., so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." Wie immer hatte S. M. sich nichts dabei gedacht, aber er wurde nun in ganz Europa als Chinesenschlächter karikiert, und der Name "Hunne" blieb an Deutschland kleben, in England bis heute.

Der Dilettant auf dem Thron sah nicht, dass es seine Eskapaden waren, die Deutschland immer mehr von Europa isolierten, bis es allein stand. Er hatte auch dafür eine Ausrede. Sie hieß Einkreisung - das Reich als Opfer einer Weltverschwörung, deren Drahtzieher England war, "dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk". Die neurotische England-Phobie spiegelt den Grundkonflikt in Wilhelms Wesen wider: Er war selbst zur Hälfte Engländer - und kämpfte zeitlebens gegen diese Hälfte an. Seine Mutter Victoria ("Vicky") war die Tochter Queen Victorias, der deutsche Kaiser damit ein Enkel der britischen Königin. Als Kind war er der erklärte Liebling der Queen. Ein Freund Britanniens sollte dieser Hohenzoller nach dem Willen der beiden Frauen, seiner Großmutter und seiner Mutter, werden, und so lernte er England besser kennen als irgendein deutscher Regent vor ihm. Mit anderthalb Jahren nahm ihn seine Mutter zum ersten Mal mit "nach Hause", zum Entzücken der Queen. Er wurde als Familienmitglied am Hof aufgenommen, sprach schon als Kind fließend Englisch und nahm als junger Mann an den Jagden, Banketten und Regatten der Royals teil. "Das Heim" seiner Großmutter (der Buckingham Palace) sei ihm damals "zu einem zweiten Vaterhaus" geworden, schreibt er nostalgisch in seinen Erinnerungen. Als die Königin mit 81 Jahren die Augen schloss, stand er an ihrem Sterbelager. Sie sei in seinen Armen entschlafen, behauptete er stolz. Doch die politischen Hoffnungen, die die Queen auf ihren deutschen Enkel setzte, wurden bitter enttäuscht: Wilhelm sagte sich von seiner Mutter los und verwandelte sich in einen England-Hasser. Der Grund des folgenschweren Dramas liegt nach gängiger psychologischer Deutung in einem körperlichen Gebrechen des Kaisers: Sein linker Arm war von Geburt an gelähmt und hing funktionslos an seinem Körper - ein Unglück, über das die junge Mutter (sie war bei der Geburt 18 Jahre alt) nie hinwegkam.

Die medizinische Ursache ist nie restlos geklärt worden. Die Entbindung im Kronprinzenpalais Unter den Linden war außerordentlich kompliziert und kostete Mutter wie Kind fast das Leben. Es handelte sich um eine Steißgeburt, bei der der linke Arm des Kindes über den Kopf nach hinten gebogen war. Ein hochkarätiges Ärzteteam überwachte die Entbindung, darunter Sir James Clark, der Leibarzt der Queen. Dennoch wurde beim gewaltsamen Herausziehen des Körpers aus dem Mutterleib - Vicky lag in Vollnarkose - das für die Armbewegung zuständige Nervengeflecht im Hals des Kindes offenbar zerrissen. Der Schaden konnte trotz jahrelanger Therapien, die für den Knaben ein Martyrium waren, nie behoben werden. Der linke Arm, verkürzt und atrophiert, blieb unbrauchbar. So konnte der Kaiser kein Essbesteck benutzen. Fleisch musste ihm vorgeschnitten werden. Auf der Jagd benutzte er eine Spezialbüchse, die auf eine vorbereitete Stütze gelegt wurde, damit er sie einhändig bedienen konnte: De facto war der Kaiser einhändig, was er unter großer Willensanstrengung zu verbergen suchte - ein Hohenzoller durfte kein Krüppel sein. Die Geburt blieb für Mutter wie Sohn ein Trauma, das sie schließlich zu Feinden werden ließ. Kein Geringerer als Sigmund Freud stellte die waghalsige These auf, dass Wilhelms Mutter in der Verkrüppelung ihres Sohnes eine Beeinträchtigung ihres Selbstwertgefühls sah und deshalb "dem Kind ihre Liebe entzog". Richtig ist, dass Vicky zu ihrem Erstgeborenen nie ein herzliches Verhältnis entwickelte. Sie blieben sich gegenseitig fremd, und die Fremdheit wuchs im Lauf des Lebens. "Diese liberale, intelligente, belesene, selbstkritische, perfektionistische, leidenschaftliche und willensstarke Frau bildete in der Tat das Kernproblem im Leben des letzten deutschen Kaisers" - so der britische Historiker John C. G. Röhl in seiner profunden Biografie Wilhelms II.

Die Antwort des heranwachsenden Sohnes auf die nicht erlebte Mutterliebe war schließlich ein blinder Hass auf alles Englische. Als Kaiser sagte er später: "Ein englischer Arzt tötete meinen Vater, und ein englischer Arzt verkrüppelte meinen Arm - und das ist die Schuld meiner Mutter, die keine Deutschen um sich duldete." Das gestörte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn übertrug sich bald auf Wilhelms Vater, Kronprinz Friedrich Wilhelm (genannt "Fritz"), einen weichen, träumerischen Mann, der sich willig der Führung durch seine Frau überließ. Auch ihm blieb der Sohn fremd und "rätselhaft". In zahllosen Mitteilungen an Vicky - sie wechselten über 10 000 Briefe in ihrer glücklichen Ehe - beklagte er Wilhelms "Herzenskälte" und "Gefühllosigkeit". Je älter Wilhelm wurde, desto rüpelhafter benahm er sich gegen den Vater. Einen Tag nach seinem 21. Geburtstag kam es zu der bis dahin schwersten Auseinandersetzung. Der Vater nahm ihn im Schloss "mit aufs Zimmer" und stellte ihn wegen seines Verhaltens zur Rede. Wilhelm antwortete "in seiner unausstehlichen, süffisanten Manier" (so Fritz an Vicky) und brach das Gespräch grußlos ab. "Nicht ein Schlusswort für mich oder ein Händedruck!!", schreibt der Kronprinz, zutiefst verletzt. "Erst jetzt kenne ich ihn in seiner ganzen eisigen, selbstsüchtigen Natur und werde ihn danach behandeln." Der Bruch war nicht mehr heilbar. Er wurde verschärft durch den politischen Konflikt, der die Familie zerriss: Das Kronprinzenpaar stand in unverhüllter Opposition zur konservativen preußischen Staatsführung. Beide machten keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für das parlamentarische System und die konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild.

Vicky hasste Bismarck, so wie umgekehrt der Kanzler die "Engländerin" hasste, die den künftigen Kaiser mit undeutschen Ideen infizierte. In der Tat sah sich Victoria als politische Erzieherin ihres vergleichsweise unbedarften Gatten. Geduldig bemühte sie sich, aus ihrem Fritz, den sie innig liebte, einen Demokraten zu machen. Sie träumte von einem neuen, freien Deutschland unter Fritzens (und ihrer) Führung: "Unter unserem mächtigen Schutz müsste das liberale Prinzip sich segnend (in Deutschland) verbreiten - die engen Schranken früherer Jahrhunderte hinwegräumend." Solche Gedanken waren für Bismarck glatter Umsturz. Mit zunehmender Wut sah der Kanzler, dass der Thronfolger voll auf die Linie seiner Frau einschwenkte. Quer durch die Staatsspitze zog sich eine Barrikade, die Scheidelinie zwischen zwei Welten: dort der autokratische Reichsgründer mit dem alten Kaiser, hier der liberale Thronfolger und Reformer mit seiner emanzipierten, kämpferischen Frau. Wilhelm war in dieser Konstellation das Zünglein an der Waage. Hätte er sich hinter seinen Vater gestellt, hätte Deutschland ein anderes, zivileres Gesicht bekommen. Zur Erbitterung des Kronprinzenpaares schlug sich ihr Sohn auf die andere Seite. Er lief zum konservativen Großvater über, der den Prinzen von Jugend auf planmäßig an sich gezogen hatte: Er führte lange Gespräche mit ihm, nahm ihn mit in seine Loge in der Oper und lud ihn sonntags, als besondere Auszeichnung, zu einem Glas Champagner in sein berühmtes Eckzimmer ein, wo sie zusammen vom Fenster aus die Wachablösung Unter den Linden beobachteten. Jetzt standen sie, der Alte und der Junge, in einer Front gegen Wilhelms Eltern. Das Drama bekam Shakespearesche Dimensionen. Die Luft am Berliner Hof war hasserfüllt. In der Armee zirkulierten abenteuerliche Staatsstreichpläne gegen den Kronprinzen für den Fall seiner Thronbesteigung. Mehrfach kam es in aller Öffentlichkeit zum Schlagabtausch zwischen Vater und Sohn, wobei der Kronprinz nur mühsam die Contenance bewahrte. Schließlich kappte Wilhelm den Kontakt zu seinen Eltern - wie zu Pestkranken. Er stellte den Verkehr ein und beantwortete keine Briefe mehr, obwohl ihn seine Mutter darum anflehte. "Ich sitze oft in meinem Zimmer und weine", meldete sie nach London. Vickys Gegner - und das war die gesamte preußische Staatsführung - sahen die Entwicklung dagegen mit unverhohlener Freude. Generalstabschef Alfred Graf Waldersee, Exponent der antiliberalen Kräfte, frohlockte: "Wenn seine (Wilhelms) Eltern sich das Ziel gesetzt hatten, einen konstitutionellen König zu erziehen, der sich gehorsam vor einer Kammermajorität beugt, so haben sie Unglück gehabt. Es kommt anscheinend das gerade Gegenteil heraus." So war es dann auch. Der Kronprinz, inzwischen in den Fünfzigern, spürte, dass die Luft um ihn dünn wurde. Als er erfuhr, dass Wilhelm ohne seine Kenntnis im Auswärtigen Amt hospitierte, schrieb er zornbebend an Bismarck, den Chef des AA: Sein Sohn solle gefälligst zuerst "die inneren Verhältnisse seines eigenen Landes kennen lernen, ehe er bei seinem ohnehin zur Übereilung neigenden Urteil sich mit der (auswärtigen) Politik befasst". Angesichts der "mangelnden Reife" seines Sohnes (Wilhelm war 27!) und seines "Hanges zur Überhebung wie zur Überschätzung" halte er es "geradezu für gefährlich", Wilhelm mit der Außenpolitik zu befassen.

Bismarck ignorierte den Einspruch. Er wollte den Prinzen in die Staatsgeschäfte einführen, denn bisher hatte Wilhelm nichts gelernt, was ihn für sein späteres Amt befähigte. Er hatte vier Semester in Bonn "studiert" - quer durch den Garten, von Jura über Geschichte bis Nationalökonomie - und war dann als Berufssoldat in die Armee eingetreten, natürlich bei der Garde in Potsdam. Diese Zeit prägte sein Denken bis zum Ende. Die Armee war die "Schule des deutschen Volkes", so der Kaiser, und er war ein Teil von ihr. "In dem von altpreußischem Geiste beherrschten Kameradenkreise habe ich mich unendlich wohl gefühlt." Er stieg rasch auf in der militärischen Karriereleiter: Mit 24 war er Bataillonskommandeur beim 1. Garderegiment zu Fuß, mit 25 Oberst und Regimentskommandeur der Garde-Husaren, mit 29 Generalmajor und Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade in Berlin, einer achtunggebietenden Kampftruppe.

Ob das nicht eine Nummer zu groß sei für den Jungen, fragte der alte Kaiser den Chef seines Militärkabinetts. "Er wird's schon machen, Majestät", war die Antwort. Bismarck sah diesen Werdegang mit größtem Unbehagen. Der künftige Monarch kannte nichts als die Exerzierplätze und Casinos der Armee und fühlte sich zum Ärger des Reichskanzlers sauwohl dabei. Er sprach den Jargon der Garde und teilte ihre arrogante Verachtung für die Welt der schlappen Zivilisten. "Die Beschränktheit seines Vorlebens", so Bismarck in seinen Erinnerungen, "habe ich tief beklagt." Um in seine Umgebung "ein zivilistisches Element" einzubringen, schlug der Kanzler vor, einen höheren Beamten "zur wissenschaftlichen Bildung Sr. Königlichen Hoheit" abzustellen. Als der Kandidat dem prinzlichen Brigadekommandeur bei Tisch vorgestellt wurde, erklärte dieser fröhlich, mit so einem Bart, wie ihn jener Herr trage, habe er sich als Kind immer Rübezahl vorgestellt. Worauf das Engagement geplatzt war. Ein halbes Jahr später war der Brigadekommandeur Deutscher Kaiser. Sein Großvater war am 9. März 1888 friedlich gestorben. Wilhelms Vater, der "ewige Kronprinz", trat als Kaiser Friedrich III. die Nachfolge an. Doch es gab keine Krönungsfeier, er war bereits vom Tode gezeichnet. Der Kehlkopfkrebs hatte ihn besiegt. Der Kaiser konnte nicht mehr sprechen und hatte nur noch 99 qualvolle Tage zu leben - die tragischste Gestalt auf dem Preußenthron.

Es waren gespenstische Wochen. Das Land hielt den Atem an. Alle warteten nur noch auf den Tod des Gequälten. Hinter den Kulissen übernahm Wilhelm die Macht, noch ehe sein Vater die Augen schloss. In der Todesnacht ließ er das Neue Palais in Potsdam, wo der Kaiser residierte, von seinen Soldaten umstellen. Er wollte verhindern, dass seine Mutter unliebsame Papiere außer Landes schaffte. Doch die Kaiserin hatte vorgesorgt und bereits sechs Kisten mit Tagebüchern und vertraulichen Aufzeichnungen auf den Weg nach London gebracht. Sie wusste: Nach dem Tod ihres Mannes würde sie die einsamste Frau in Berlin sein. Ihr ungeliebter Sohn war nun Deutscher Kaiser. Am 15. Juni 1888 bestieg er den Thron, mit 29 Jahren der jüngste Monarch Europas, tatendurstig, ruhmsüchtig. Er wollte es den alten Säcken und liberalen Schlappschwänzen endlich zeigen. Doch zuerst musste er freie Bahn haben: Bismarck, der die Geschicke der Deutschen seit 26 Jahren mit harter Faust lenkte, der Reichsgründer und Kanzler, der grantelnde Besserwisser, der Alte, musste weg. Der Konflikt war programmiert, der Anlass beliebig. Zwischen Kanzler und Kaiser herrschte kalter Krieg von Anfang an. In der Sache gab es so gut wie nichts, in dem sie übereinstimmten.

Nach zwei Jahren waren sie fertig miteinander. Kurioserweise überwarfen sie sich zuletzt wegen der Arbeiterfrage. Dabei war der Kaiser toleranter als der alte Junker: "Fürsorge auf der einen, Panzerfaust auf der anderen Seite, das war Bismarcksche Sozialpolitik", so Wilhelm in seinen Memoiren. "Ich aber wollte die Seele des deutschen Arbeiters gewinnen." Bismarck trieb es zum Äußersten, indem er auf einer Kabinettssitzung erklärte, er betrachte es als einen "Übergang zum Landesverrat, wenn verantwortliche Minister den Souverän auf Wegen fänden, die sie für staatsgefährlich hielten, und das nicht offen sagten."

Damit war der Bogen überspannt. Der Kaiser forderte den Kanzler ultimativ auf, ihm sein Rücktrittsgesuch einzureichen. Am 20. März 1890 ging "der Lotse von Bord": Die Illustration im englischen "Punch" wurde zur meistgedruckten Karikatur der Zeit. Der Kaiser übernahm nun allein das Kommando. Mit dem Feingefühl eines preußischen Gardeleutnants brach er in das komplizierte Geflecht der europäischen Politik ein. Seine Mutter muss Qualen gelitten haben. Sie erlebte noch, dass er unter dem Motto "Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser" den Bau einer gigantischen Schlachtflotte verkündete, die Deutschland binnen weniger Jahre zur zweitgrößten Seemacht der Welt hochkatapultierte - ein Wahnsinnsunternehmen, das zur tödlichen Konfrontation mit dem britischen Empire führen musste. War Wilhelm schuld am Ersten Weltkrieg? War er unschuldig? Über die Frage wird noch immer gestritten, obwohl die Fakten klar sind. Unschuldig war keiner der Kontrahenten, am wenigsten unschuldig aber Wilhelm. Er war ein Maulheld und hat den Krieg jahrelang herbeischwadroniert. Vielleicht wollte er ihn nicht wirklich - er ahnte, was das bedeutete. Doch er tat nichts, um ihn zu verhindern. Ein einziges entschiedenes Nein von ihm, und der Erste Weltkrieg hätte nicht stattgefunden: Es war Deutschland, das Russland und Frankreich den Krieg erklärte, nicht umgekehrt. Und es war Deutschland, das durch den Einmarsch in Belgien die Kriegserklärung Englands provozierte. In letzter Minute warnte der britische Außenminister Sir Edward Grey den deutschen Botschafter noch einmal vor dem verhängnisvollen Schritt - der Kaiser hatte nur Hohn dafür übrig: Die Depesche seines Botschafters über das dramatische Gespräch mit Grey ist mit Wilhelms Randbemerkungen gespickt: "Falscher Halunke - Gefasel - Flausen! - Blech! - Der Kerl ist toll oder Idiot."

Der "Idiot" hatte gesagt: "Mit diesem Krieg werden in Europa die Lichter verlöschen, und unsere Generation wird es nicht mehr erleben, dass sie wieder angehen." Was nun kam, war etwas anderes als die Paraden zu Kaisers Geburtstag - Maschinengewehre, Trommelfeuer, Giftgas, Tanks, noch nie erlebtes Grauen, millionenfacher Tod.

Das Zeitalter der Technik, eben noch angebetet als Wegbereiterin einer neuen Menschheit, enthüllte ihr mörderisches zweites Gesicht. Die Agonie dauerte vier Jahre, doch der Nimbus des Kaisers erlosch lange vor dem Ende. Der Krieg entlarvte ihn: Ohne Rampenlicht und ohne Kulisse war er nichts. Das Stück, in dem er eine Rolle spielte, war aus. Er, der sein Leben lang geredet hatte, verstummte. Die Macht im Staat lag jetzt bei der Obersten Heeresleitung, mit Hindenburg und Ludendorff an der Spitze. Deutschland war de facto eine Militärdiktatur. Der Kaiser stand wie ein überflüssiges Möbel im Großen Hauptquartier herum. Als ihm die Heerführer im September 1918 erklärten, der Krieg sei verloren, konnte er es nicht glauben. Hatten sie ihm nicht die ganze Zeit erzählt, der Endsieg wäre zum Greifen nah?

Alles brach über Nacht zusammen. Die Allierten verlangten seine Auslieferung als Kriegsverbrecher, die Flotte - SEINE Flotte! - meuterte, und in Berlin begann die Revolution. Der letzte kaiserliche Reichskanzler, Max von Baden, forderte seinen obersten Dienstherrn ultimativ zur Abdankung und zum Thronverzicht für die ganze Dynastie Hohenzollern auf. Als Wilhelm zögerte - er wollte wenigstens König von Preußen bleiben -, verkündete der Kanzler die Abdankung als vollzogene Tatsache: Wilhelm II. war schlicht abgesetzt. Deutschland hatte aufgehört, ein Kaiserreich zu sein. Man schrieb den 9. November 1918. Wilhelm erlebte das alles wie in Trance in seinem Hauptquartier in Spa, im immer noch besetzten Belgien. Er war nur noch ein Stück Treibholz in einem Orkan. "Und meine Armee?", fragte er die Generäle. Sie zuckten mit den Schultern. Die Armee wollte nach Hause. Einen Augenblick lang erwog er, in einem letzten Stoßtruppunternehmen an der Front den Tod zu suchen. Doch an der Front wurde nicht mehr geschossen, der Waffenstillstand sollte am übernächsten Tag, dem 11. November, in Kraft treten.

Blieb noch die andere Option: sich selbst den Tod zu geben - ein angemessener Abgang von der Bühne der Geschichte für den letzten Preußenkönig. Aber er verwarf auch dies: "Das war schon durch meinen festen christlichen Standpunkt ausgeschlossen", schrieb er rückblickend in Schloss Doorn. So schlug denn die Stunde seiner tiefsten Demütigung: Allein im Novembernebel, mit einem Häuflein Getreuer auf einem gottverlassenen Bahnsteig, auf einen Zug wartend, der ihn in Sicherheit bringen sollte - die Königin der Niederlande hatte ihm Asyl gewährt, sie würde ihn nicht ausliefern. Zum letzten Mal machte er Schlagzeilen, aber sein Verschwinden erregte niemanden mehr. Auf gespenstisch lautlose Weise brach die Monarchie zusammen. Keine Hand rührte sich für das Haus Hohenzollern, das die Geschicke der Deutschen jahrhundertelang beeinflusst hatte. Eine Epoche war zu Ende. Die Brandenburger, die sich 1701 in ihrer polnischen Lehnsherrschaft Preußen selbst zu Königen ernannten, hatten den Deutschen mehr Unglück als Glück gebracht, mehr Kriege als Frieden. "Deutschland" hat die Hohenzollern herzlich wenig gekümmert. Es ging ihnen immer nur um Preußen, um den Ruhm ihres Hauses, ihrer Fahne, ihrer Krone. Mit Waffengewalt zerschlugen sie 1849 die demokratische deutsche Einigungsbewegung, um sich 22 Jahre später ein Reich nach ihrem Gusto zu zimmern. Doch nicht einmal sie selbst waren die Baumeister, sondern ein besessener Vollblutpolitiker namens Bismarck. Die Kaiserkrone, die er aus dem Hut zauberte, musste er seinem Monarchen fast gewaltsam aufs Haupt drücken: Wilhelm I. hielt Krone und Kaisertitel für Mumpitz - eine neureiche Geschmacklosigkeit, unter der Würde eines Königs von Preußen.

Es war eine Fehlkonstruktion, das deutsche Kaiserreich. Mit "Eisen und Blut" geschmiedet, hat es nur 47 Jahre gehalten, weniger als ein Menschenleben. Es zerbrach an seiner inneren Hohlheit. Wilhelm II. war sein authentischer Repräsentant. PS: Man hat ihm kein Haar gekrümmt. Die Republik schickte ihm seine persönliche Habe ins Exil nach: 50 Eisenbahnwaggons voll. Er blieb bis ans Ende uneinsichtig und propagierte die Dolchstoßlüge. Er erlebte noch Hitlers Einmarsch in Holland und sandte ihm ein Glückwunschtelegramm zur Eroberung von Paris. Er starb 1941 mit 82 Jahren. Eine Ehreneskorte der Wehrmacht schoss an seinem Grab Salut.

© STERN-Artikel, Heft NR. 4 - 18.1.2001
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